Interview

KwonJeder Mensch hat Angst vor dem Krankenhaus. Aber das Krankenhaus ist keine Maschine, denn Medizin wird von Menschen gemacht. Um den Lesern einen Einblick hinter die Kulissen zu gewähren, kommen in zwölf Folgen Mitarbeiter des Orthopädischen Krankenhauses Schloss Werneck zu Wort, die sich und ihren Arbeitsplatz vorstellen. In der heutigen Folge sprechen Oberarzt Dr. med. Sun-Min Kwon, Leiter der Sektion Wirbelsäulenbehandlung, Facharzt Alexander Del Savio und Assistenzarzt Christian Voll.

Herr Oberarzt Kwon – kann man sagen, dass Sie Ihr berufliches Leben der Wirbelsäule gewidmet haben?
Irgendwie schon. Mein Tag beginnt morgens mit der Visite bei den Wirbelsäulen-Patienten, anschließend bin ich im OP. In den OP-Pausen folgen Spritzen-Behandlungen und nachmittags sehe
ich Wirbelsäulen-Patienten in den verschiedenen Sprechstunden.

Viele Patienten mit Wirbelsäulen-Leiden gehen nicht zum Arzt, weil sie Angst haben, dass sie dann gleich operiert werden. Muss es immer gleich eine OP sein?
Genau das Gegenteil ist der Fall. Wir versuchen zunächst alles, um die OP zu vermeiden. Unser Konzept in Werneck heißt Rücken-Schmerz-Centrum. Wir versuchen, den Ort der Schmerzentstehung so genau wie möglich zu erfassen. Das ist manchmal eine regelrechte Detektiv-Arbeit. Entscheidend ist neben der Kernspintomografie die exakte Diagnose der Schmerzursache mit einer örtlichen Betäubung.

Herr Del Savio, wie muss man sich das genau vorstellen?
An der Wirbelsäule fällt die eigentliche Ursache der Schmerzen nur selten sofort ins Auge. Ein Bandscheibenvorfall, der auf einen Nerven drückt, ist relativ einfach zu diagnostizieren. Häufig kommen die Schmerzen aber von verschiedenen Orten: den Schmerzfasern in den Längsbändern, einer Arthrose der kleinen Wirbelgelenke oder durch eine Verschiebung der Wirbelsäule. Vereinfacht gesagt spritzen wir unter Röntgenkontrolle an den von uns vermuteten Schmerzort und fragen den Patienten, ob die Schmerzen besser geworden sind.

Dann muss der Patient aber doch operiert werden, Herr Voll?
Nein, wir gehen ganz individuell vor. Mit mehreren Spritzen direkt an den Schmerzort können wir häufig auch ohne Operation erfolgreich behandeln. In diesem Jahr haben wir bereits mehr als 200 Patienten mit Wirbelsäulenproblemen auch ohne Operation in der Klinik behandelt. Dabei helfen natürlich auch unser Schmerztherapeut, Herr Dr. Schley, und unsere Physiotherapie.

Herr Del Savio und Herr Voll – wie sind Sie zur Wirbelsäule gekommen?
Unser Chef, Prof. Hendrich, hat uns für eine Zeit unserer Facharztausbildung in ein Wirbelsäulenzentrum entsandt, wo wir von morgens bis abends nur noch Wirbelsäule gesehen und gedacht haben. Das ist ungewöhnlich und wir sehen es als große persönliche Chance für uns.

Herr Oberarzt Kwon – neben Ihrem Operationsmikroskop haben Sie gerade noch ein neues Großgerät für die Wirbelsäule angeschafft?
Unsere neueste Errungenschaft ist ein spezielles fahrbares Röntgengerät, das wir bei der OP oder einer Injektion einsetzen können. Dazu fährt das Gerät in einer fließenden Bewegung um den Patienten und erzeugt wie bei einer Computertomografie ein dreidimensionales Bild der Wirbelsäule. Man kann dann genau erkennen, ob die Schraube perfekt liegt und wie weit man von einer Nervenwurzel entfernt ist. Das neue Gerät erhöht dadurch vor allem die Patientensicherheit.

Herr Oberarzt Kwon, Sie kommen ursprünglich aus Süd-Korea. Wie unterscheidet sich die Wirbelsäulen- Behandlung hier und in Asien?
Ich bin ursprünglich in Seoul geboren, habe aber meine ganze Ausbildung in Deutschland an den Uni-Kliniken in Heidelberg und Ulm absolviert. Sie müssen sich vorstellen, dass im Großraum Seoul nicht weniger als 23 Millionen Menschen leben. Für die Wirbelsäule gibt es gigantische Zentren mit Rolltreppen und Spiegelglasfassade, in denen die Patienten wie am Fließband operiert werden. Wenn
man wie ich hinter diese Fassade blickt, haben wir hier in Werneck mindestens die gleichen technischen Möglichkeiten, aber viel individueller und in einer geradezu familiären Atmosphäre. Immer wenn ich wieder aus Seoul zurück komme, weiß ich die Lebensqualität hier in Unterfranken besonders zu schätzen.

Herr Oberarzt Kwon, die Operationen mit dem Mikroskop sind überaus anstrengend. Wie halten Sie sich fit?
Eigentlich mit allen Sportarten, für die ich Zeit finde. Den Weg von Kürnach nach Werneck versuche ich, wann immer möglich, mit dem Rennrad zurückzulegen. Das pustet den Kopf frei…

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