
Jeder Mensch hat Angst vor dem Krankenhaus. Aber das Krankenhaus ist keine Maschine, denn Medizin wird von Menschen gemacht. Um den Lesern einen Einblick hinter die Kulissen zu gewähren, kommen in zwölf Folgen Mitarbeiter des Orthopädischen Krankenhauses Schloss Werneck zu Wort, die sich und ihren Arbeitsplatz vorstellen. In der heutigen Folge fragen wir Herrn Dr. med. Jochen Scheidemantel. Er ist seit 1989 Leiter der Anästhesie-Abteilung.
Herr Dr. Scheidemantel, wie sieht Ihr Tagesablauf aus?
Wir Anästhesisten beginnen um 7:20 Uhr mit der Visite auf unserer Wachstation. Kurz vor 8 Uhr sind wir dann im OP und leiten die Anästhesien ein, so dass ab 8:30 Uhr die Operationen starten können. Einer von uns hat Spätdienst, er kommt gegen 9:30 Uhr und bespricht auf der Aufnahmestation mit allen Patienten für den kommenden Tag die Anästhesieverfahren.
Welche Betäubungsverfahren bieten Sie an?
Bei uns werden alle sinnvollen Anästhesiearten für Eingriffe am Bewegungsapparat angeboten: Neben der Narkose, bei der die Patienten im schonenden Tiefschlaf sind, werden viele Eingriffe auch in Teilanästhesie der unteren Körperhälfte durchgeführt, am Arm und am Fuß auch als Blockade der Nervenleitung. Das ist häufig noch schonender, und falls der Patient von der Operation nichts mitbekommen will, kann er Musik hören oder einen Dämmerschlaf wählen.
Und was würden Sie selbst bevorzugen?
Diese Wahl ist stark von der Persönlichkeit abhängig, aber für Eingriffe am Knie oder Fuß gehört kein besonderer Mut dazu, die Regionalanästhesie zu wählen und wach zu bleiben. Bei großen Hüfteingriffen würde ich indes die vollständige Abschirmung durch die Narkose vorziehen.
Häufig haben Patienten vor der Narkose mehr Angst als vor der Operation?
Weil sie ja einen Teil der Kontrolle über die Situation abgeben, ist das durchaus verständlich. Das objektive Restrisiko ist aber nicht höher als bei alltäglichen Tätigkeiten wie der Teilnahme am Straßenverkehr.
Worauf legen Sie bei Ihrer Arbeit besonderen Wert?
Die Kollegen meiner Abteilung sind ausschließlich langjährig erfahrene Fachärzte für Anästhesiologie. Dadurch garantieren wir den höchsten Sicherheitsstandard. Auch unsere Schwestern sind spezialisiert, sie arbeiten nur auf der Wachstation und in der Anästhesie. Und natürlich unsere Wachstation selbst: Sie bietet allen erforderlichen technischen Standard, dabei liegt der Patient aber in einer offenen Architektur mit Blick in den Garten und fühlt sich nicht der Technik ausgeliefert.
Schloss Werneck zählt zahlenmäßig zu den Top-Ten für Endoprothetik in Deutschland?
Dazu will die Anästhesie beitragen. Nehmen Sie zum Beispiel unseren Schmerzkatheter für Knieprothesen. Dieser Katheter wird unmittelbar vor der Operation eingelegt, er betäubt die Schmerzempfindung am Knie. Nach der Operation erhält der Patient über eine elektrische Pumpe ständig weiter Betäubungsmittel. Unsere Orthopäden berichten, dass sich die Schmerzen nach der Knieprothese dadurch rund um die Hälfte reduziert haben. Ebenso können wir bei Schultereingriffen verfahren.
Wie finden Sie den richtigen Ausgleich zu Ihrem verantwortungsvollen Beruf?
Mir bietet unter anderem der Chorgesang Entspannung und Reflexionsmöglichkeiten.
Sie selbst wirken außergewöhnlich ruhig und abgeklärt?
Das liegt am Alter (lacht). Nein, im Ernst: Unsere Aufgabe ist es, dass der Operateur optimale Sicherheit für eine präzise Operation erhält. Hektik oder Improvisation darf es da nicht geben. Das spüren auch unsere Patienten. Mit Professor Hendrich haben sie den dynamischen Operateur, der dem Patienten in einer schwierigen Situation Optimismus vermittelt. In mir finden sie einen etwas älteren, beruhigenden Narkosearzt, der die absolut nachvollziehbaren Ängste annimmt und für die größtmögliche Sicherheit sorgt. Unsere unterschiedlichen Temperamente haben zu einer exzellenten professionellen Zusammenarbeit geführt, die unsere Patienten auch spüren.